Die Internationalisierung des Renminbi: Auf dem Weg zu einem multipolaren Weltwährungssystem
Im Überblick
Auch wenn man es manchmal anders hört, will China mit seiner Währungspolitik den Dollar keineswegs entthronen. Eher schon will man verhindern, dass sich das dollarbasierte Weltwährungssystem gegen China richten kann.
Die Frage ist also nicht, ob der Renminbi den Dollar ersetzen kann. Die Frage ist, ob wir ein weniger konzentriertes Weltwährungssystem bekommen.
Aber was hat die Diskussion ausgelöst?
- Ende September hat China begonnen, wesentlich mehr Sojabohnen aus Argentinien zu importieren – wie schon seit einiger Zeit aus Brasilien. Ein Grossteil der Käufe wird in Renminbi abgewickelt.
- Im Oktober vereinbarte das australische Unternehmen BHP Billiton, einer der weltgrössten Eisenerzförderer, mit seinen chinesischen Kunden, 30% seiner Lieferungen nach China (etwa 6% des weltweiten Eisenerzhandels) statt in US-Dollar in Renminbi abzuwickeln.
- Ebenfalls im Oktober begab Indonesien seine erste renminbidenominierte Offshore-Anleihe („Dim-Sum-Anleihe“). Sie hat ein Volumen von 6 Milliarden Renminbi (ca. 851 Millionen Euro) und war 3,7-fach überzeichnet.
- Händler, die russisches Öl an Indien verkaufen, baten staatliche indische Raffinerien im Oktober erstmals um Zahlungen in Renminbi.
- Die People’s Bank of China (PBoC) hat die First Abu Dhabi Bank (FAB) als erste Bank der Region im Oktober bevollmächtigt, in den Vereinigten Arabischen Emiraten als Clearing-Bank für Renminbi-Transaktionen aufzutreten. Damit sind emiratische Banken faktisch an das chinesische Zahlungssystem angeschlossen.
- Im November begab China in Hongkong eine Staatsanleihe mit 4 Milliarden US-Dollar Volumen, die 30-fach überzeichnet war. Die Emissionsrendite lag um 0 bis 3 Basispunkte über der US-Staatsanleihenrendite. Damit war der Spread niedriger als die 1 bis 3 Basispunkte der von China im November 2024 in Saudi-Arabien begebenen dollardenominierten Staatsanleihe.
- Ebenfalls im November vereinbarten China und Südkorea einen fünfjährigen Währungsswap mit 400 Milliarden Renminbi Volumen (56,3 Milliarden US-Dollar). Das ist nur die letzte einer Reihe ähnlicher Vereinbarungen – mit der Türkei im Juni, Thailand im August sowie der EU, der Schweiz und Ungarn im September.
- Und das ist noch nicht alles: So haben Äthiopien, Sri Lanka und Kenia ihre dollardenominierten Schulden in renminbidenominierte Anleihen konvertiert. Argentinien bedient seine Schulden beim Internationalen Währungsfonds ebenfalls in Renminbi.
Schritt für Schritt
Bemühungen zur Internationalisierung des Renminbi als Gegengewicht zum dominierenden Dollar gibt es schon länger. China setzt dabei auf eine Politik der kleinen Schritte.
Indem immer mehr Rohstoffgeschäfte in Renminbi abgewickelt werden, greift Peking eine wichtige Grundlage der Dollardominanz an.
China ist es gelungen, dollardenominierte Staatsanleihen mit einem minimalen Spread gegenüber US-Staatsanleihen zu begeben – offensichtlich gelingt die Refinanzierung zu immer günstigeren Konditionen und verschafft China Dollarliquidität. Durch die chinesische Konkurrenz steht den USA weniger Liquidität zur Verfügung. Sie brauchen wegen ihres anhaltenden Leistungsbilanz- und Haushaltsdefizits aber regelmässig ausländisches Kapital.
Diese Entwicklung fördert auch die Internationalisierung des Renminbi. Emerging-Market-Länder werden ermutigt, ihre dollardenominierten Anleihen in renminbidenominierte Titel umzuwandeln.
Sicher sind all das nur kleine Schritte. Zusammen machen sie den Renminbi aber internationaler. Langsam, aber sicher schwächt das die Vorherrschaft des Dollars – durch ein paralleles Währungssystem mit dem Renminbi als Basis.
Wenn sich mehr Länder an solchen Initiativen beteiligen, könnte China einen grossen und liquiden Offshoremarkt für den Renminbi aufbauen. Für Investitions- und Handelsfinanzierungen könnten dann künftig mehrere Währungen infrage kommen.
Peking versucht, das Weltwährungssystem zu verändern – nicht durch grosse Ankündigungen oder Angriffe auf den Dollar, sondern durch Tausende einzelner Kauf- und Zahlungsentscheidungen.
„Der Dollar ist alternativlos“
Obwohl so oft von der „Entdollarisierung“ die Rede ist, sind wirklich grosse Veränderungen auf absehbare Zeit nicht zu erwarten – ganz einfach deshalb, weil es zum Dollar zurzeit keine Alternative gibt.
Nach dem 2025 Triennial Central Bank Survey der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich dominiert der Dollar noch immer. Auf ihn entfallen 89,2% des Transaktionsvolumens an den Währungsmärkten, nach 88,4% im Jahr 2022. Der Renminbi ist zwar mittlerweile zur Nummer 5 aufgestiegen, doch ist sein Anteil mit 8,5% noch immer sehr klein (Abbildung 1).
Daten des Internationalen Zahlungsnetzwerks SWIFT bestätigen das: Nur 3,2% des weltweiten Zahlungsvolumens entfiel im September auf den Renminbi, aber 47,8% auf den US-Dollar. Die Internationalisierung des Renminbi hat sich in den letzten Jahren zwar beschleunigt, blieb aber langsam und war keine Revolution.
Wirtschaftlich gibt es mittelfristig keine Alternative zum Dollar. Das derzeitige Leistungsbilanzdefizit der USA (ein Abbild ihres Spardefizits) muss durch einen Kapitalverkehrsbilanzüberschuss ausgeglichen werden. Das Geld dazu muss aus Ländern mit Leistungsbilanzüberschüssen kommen. Der Grossteil des weltweiten Sparüberschusses wird daher in US-Staatsanleihen investiert – in einen tiefen und liquiden Markt, der die Sparüberschüsse aufnehmen kann.
Wenn andere Länder und ausländische Investoren das US-Defizit nicht länger finanzieren wollen (also keine US-Wertpapiere mehr kaufen), dürfen sie keine Leistungsbilanzüberschüsse mehr haben. Dazu könnten sie Binnennachfrage und Inlandsinvestitionen fördern. Kurzfristig ist das aber unwahrscheinlich, sodass dollardenominierte Wertpapiere wohl auch künftig gefragt sind.
Abgesehen von einigen wenigen Monaten Anfang 2025 waren ausländische Investoren Nettokäufer amerikanischer Wertpapiere (Abbildung 2). Dass es zum Dollar noch immer keine Alternative gibt, hängt auch mit den chinesischen Kapitalverkehrskontrollen und der bislang erst ansatzweisen Liberalisierung der chinesischen Finanzmärkte zusammen. All das macht den Renminbi-Markt klein und illiquide und verhindert, dass Risiken abgesichert werden können.
Der Dollar wird nicht entthront
Die Kontrolle über die Wirtschaftspolitik – vor allem eine souveräne Geldpolitik mit unabhängigen Zinsentscheidungen – sind für Peking wichtiger als offene Märkte. Ziel der Währungspolitik war es daher, den Renminbi als Tausch-, Verrechnungs- und Finanzierungsmittel zu stärken. Als Wertaufbewahrungsmittel und Reservewährung war er für die Regierung weniger wichtig.
China will die Wechselkurssteuerung aber nicht völlig aufgeben. Man hat sich für eine Begrenzung des Kapitalverkehrs entschieden, auch wenn es dem Renminbi dann schwerer fällt, die Dollardominanz anzugreifen.1
Ziel ist also nicht, den Dollar zu entthronen. Man will einfach nur sicherstellen, dass das dollardominierte Weltwährungssystem nicht gegen China eingesetzt werden kann. Die Internationalisierung des Renminbi ist also eine defensive Massnahme. Nachdem Russlands Währungsreserven 2025 nach dem Beginn des Ukrainekriegs eingefroren wurden, ist dieses Risiko nicht mehr länger nur theoretisch. Goldreserven und diversifizierte Währungsreserven in Dollar und anderen Währungen sind sinnvolle Gegenmassnahmen.
Durch die allmähliche Internationalisierung des Renminbi hat sich das Währungssystem geändert, mit möglicherweise grossen langfristigen Auswirkungen auf die Weltwährungsordnung.
Chinas Cross-border Interbank Payment System (CIPS) mit dem Renminbi als Basis, grenzüberschreitende Swaplinien, Offshore-Clearingbanken für den Renminbi und Offshoremärkte für Renminbi-Anleihen sind nur kleine Schritte. Aber das System wächst und bietet der Welt mehr und mehr eine alternative Finanzinfrastruktur ohne den Dollar.
Auch wenn Fracht und Rohstoffe weltweit noch immer in Dollar gehandelt werden und die meisten Länder den Grossteil ihrer Währungsreserven in Dollar halten, werden allmählich erste Transaktionen in Renminbi abgewickelt. Erste Projekte werden mit Dim-Sum-Anleihen finanziert und der Renminbi-Anteil an Finanzanlagen und Währungsreserven wächst.
- This is simply the ‘Impossible Trinity’ as China is obliged to choose to control either the interest rate or the exchange rate, but not both, under an open capital account. By opting for limited capital account opening, Beijing is trying to retain some control of the exchange rate at the cost of the currency’s convertibility.
Was bedeutet das für den Dollar?
Noch immer ist der Dollar bei Zahlungen, Ersparnisbildung, Finanzierungen und Swaplinien führend. Die von SWIFT und der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich erhobenen Daten zum Währungshandel zeigen, wie stark seine Position noch immer ist.
Wenn von der Entdollarisierung die Rede ist, wird seine Nutzung oft mit seiner Bedeutung gleichgesetzt. Wenn Handel und Finanzierungen in Renminbi abgewickelt werden, bedroht das die Bedeutung des Dollars aber nicht unmittelbar. Seine Stärken sind die amerikanischen Kapitalmärkte, die Rechtsstaatlichkeit, die umfassenden Sicherheiten von Dollaranlagen und die Glaubwürdigkeit der Fed. Der Renminbi hat dem noch nicht viel entgegenzusetzen.
Die Frage, ob der Renminbi den Dollar ersetzen kann, geht daher an der Sache vorbei.
Stattdessen sollte man sich fragen, ob ein multipolares Weltwährungssystem mit einer alternativen Finanzinfrastruktur stabiler ist als ein unipolares.
Bei der strategischen Währungspositionierung sollten Anleger daher überlegen, welcher Dollar- und welcher Renminbi-Anteil angemessen sind. Es ist kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch.
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