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Wie Corona die Lieferketten unterbrochen hat – und wie KI und die Blockchain sie wieder repa-rieren können

  • 26 Mai 2022 (7 Minuten Lesezeit)

Quelle: The Conversation, in Zusammenarbeit mit dem AXA Research Fund.

Je länger die internationalen Lieferketten werden, desto kosteneffizienter werden sie. Aber sie werden auch krisenanfälliger. Nicht abgesicherte Risiken irgendwo auf dem Weg können den Welthandel empfindlich stören. KI und die Blockchain können helfen, Schwachpunkte zu erkennen und funktionierende Warenkreditversicherungen zu entwickeln.

Als 2020 die Coronakrise ausbrach, wurde schnell klar, dass dieser medizinische Notfall zu massiven Engpässen führen würde – vor allem bei Medizintechnik.

Es begann mit Beatmungsgeräten: Überall stieg die Nachfrage massiv und es kam zu Lieferengpässen. Der Grund: Die Herstellung der Geräte verteilte sich auf mehrere Länder und jeder Produktionsschritt erforderte Vorprodukte aus anderen Regionen. Je länger die Kette und je komplexer die Abhängigkeiten, desto größere Auswirkungen hatten punktuelle Störungen auf den gesamten Prozess. Das galt vor allem bei staatlich verordneten Lockdowns.

Heute, zwei Jahre nach Beginn der Pandemie, erleben wir Ähnliches in fast allen Sektoren der Weltwirtschaft. „Lieferkettenprobleme“ sind so allgegenwärtig, dass sie fast zu einem Gemeinplatz geworden sind, bei Möbeln wie bei Lebensmitteln. Aber warum hat Corona so massive Auswirkungen auf die Güterproduktion?

In den letzten Jahrzehnten wurden die Lieferketten immer schlanker und länger. Kosteneffizienz hieß die Devise. Um Zeit und Geld zu sparen, wurden Produktion und Transport in immer mehr kleine Schritte aufgeteilt. Von der Bestellung im Internet bis zur Lieferung an die Haustür gab es also immer mehr Stationen, bei denen etwas schiefgehen konnte.


Zulieferer weiter hinten in der Lieferkette – etwa die Hersteller von Kontrollsystemen für Autos – sind darauf angewiesen, dass Firmen an deren Anfang – beispielsweise Chiphersteller – pünktlich liefern. Nur dann können die Kontrollsysteme die Autobauer pünktlich erreichen.

Je länger die Lieferketten sind, desto stärker werden die Risiken auf unterschiedliche Firmen weltweit aufgeteilt.

Wie KI und die Blockchain den Welthandel schützen können

Lieferkettenprobleme führen zu Dominoeffekten bei Handelskrediten. Firmen verzögern Zahlungen an Zulieferer, weil ihre Kunden ebenfalls nicht pünktlich zahlen. Zahlung bei Lieferung – Pay-on-Delivery – kann bewirken, dass Lieferungen ausbleiben oder verzögert werden. Das kann wiederum Insolvenzen zur Folge haben.

Da ein Großteil der Handelskreditrisiken nach wie vor nicht versichert ist, könnten Versicherungen und Rückversicherungen in einer Welt nach Corona diese Lücke füllen.

Zurzeit arbeiten Forscher an Methoden, um Schwachpunkte der internationalen Lieferketten zu erkennen und mögliche Dominoeffekte bei Handelskrediten zu verstehen. Das gesamte System soll krisenfester werden.

Aber wie müssen Versicherungs- und Rückversicherungsverträge aussehen, damit die Risiken sinnvoll aufgeteilt und Schwachpunkte verringert werden? Wie können verlässliche Außenhandelsfinanzierungen zu weniger Lieferverzögerungen führen – und das gerade jetzt besonders große Problem lösen, dass um Vorkasse gebeten wird, ohne dass man das Lieferdatum kennt?

Mit künstlicher Intelligenz und Netzwerkforschung lassen sich Strukturen erkennen, die systemische Risiken fördern. Welche Arten von Verbindungen können zu Verzögerungen und Dominoeffekten bei Handelskrediten führen und welche sind stabiler?

Auf diese Weise lassen sich die internationalen Lieferketten und die Reaktionen auf unterschiedliche Schocks umfassend simulieren. Mit lernenden Maschinen können dann die Problemstellen identifiziert werden. Mit diesem so gewonnenen Wissen lassen sich die Märkte so aufstellen, dass sie in der nächsten Pandemie oder bei einer anderen Katastrophe stabiler sind.

Andere neue Technologien wie die Blockchain ermöglichen Analysen gegenseitiger Abhängigkeiten von Lieferketten mithilfe von Qualitätsdaten. Die Blockchain nutzt Echtzeitdaten, ergänzt um eine transparente Verifizierung durch mehrere Beteiligte. Wenn dann noch intelligente Kontrakte (Smart Contracts) hinzukommen, lassen sich Konflikte entlang der Lieferkette schnell lösen.


In meinen Forschungen nutze ich die Blockchain, um Buchhaltung und Zahlungsabwicklung zu vereinfachen. Das ist durchaus eine Herausforderung, denn es erfordert spezielle Technologien und ist auch nicht kostenlos.

Schwierig ist der Einsatz aufgrund positiver Externalitäten. Wer die Blockchain nutzt, hilft anderen damit. Externalitäten sind Volkswirten wohlbekannt, aber jetzt sind sie systemisch mit Relevanz für die gesamte Lieferkette. Wie teuer eine Technologie ist, hängt davon ab, wie viele Firmen sie nutzen. Jedes Unternehmen hat andere Kosten, je nach Position in der Lieferkette, Risikobereitschaft und den individuellen Versicherungsprämien.

Rechnungswesen in Echtzeit, die Nachverfolgbarkeit der Transaktionen und die Unverletzlichkeit der Blockchain können Lieferketten effizienter machen – erst recht, wenn sie lang sind. Transaktionen müssen von mehreren Parteien verifiziert werden, von den Firmen in der Lieferkette ebenso wie von Versicherungen und Rückversicherungen.

Die Zukunft der Lieferketten

Warenkreditversicherungen dürften nach der Pandemie wichtiger werden. Vielleicht müssen Staat und Wirtschaft dabei zusammenarbeiten: Die Pandemie hat gezeigt, dass Regierungen sehr stark in den Markt eingreifen können, indem sie in bestimmten Bereichen Lockdowns verhängen.

Mit Versicherungen lassen sich Zahlungsverzögerungen abfedern, Verluste verringern und kritische Produktionsbereiche bei Bedarf schnell wieder in Gang bringen. Man kann aber nicht alle Teile einer Lieferkette versichern. Es ist nicht einfach, die von einem Schock am stärksten betroffenen Abschnitte zu erkennen.

Lieferketten lassen sich auch neu ordnen: Große Algorithmen können erkennen, wo Zulieferer ersetzt werden müssen und welche neuen Zulieferer nötig sind.

Schon in wenigen Jahren könnten die Lieferketten ganz anders aussehen. Anders als vor der Pandemie ist dann wohl nicht mehr die Kostenminimierung das wichtigste Ziel, sondern die Minimierung von Verzögerungen und Finanzierungsrisiken. In Gang gebracht werden die Veränderungen durch die Endkunden, da sich deren Nachfrage ändert. Letztlich hängt die Stabilität der Lieferkette von der Flexibilität der Verbraucher ab.

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